2016 - Rainer Nonnenmann

16. Juni 2016

Musiktheorie@KUG_05

Gastseminar und Gastvortrag mit Rainer Nonnenmann (Hochschule für Musik und Tanz Köln)

14.00–16.00 Uhr, Brandhofgasse 21, Raum E.37
Gastseminar: Helmut Lachenmanns Klangkomponieren. Exemplarische Analysen ausgewählter Werke und Textstellen

17.00–18.30 Uhr, Brandhofgasse 21, Raum E.37
Gastvortrag
: Werke als Schlüssel zu Werken? – Historische und ästhetische Reflexionen zur Situation nach 1950


Gastseminar: Helmut Lachenmanns Klangkomponieren. Exemplarische Analysen ausgewählter Werke und Textstellen

In Anknüpfung an serielle und postserielle Kompositionsideen entwickelte  Helmut Lachenmann (1935*) Ende der 1960er Jahre mit der „musique concrète instrumentale“ einen Ansatz, der ihn zum profiliertesten Vertreter einer radikal tonalitätskritischen und überkommene Hörgewohnheiten verweigernden Musik machte. Seit der Uraufführung seines Musiktheaterwerks Das Mädchen mit den Schwefelhölzern 1997 ist Lachenmann jedoch ein weltweit gespielter und anerkannter Komponist, was auch seine Ästhetik tangiert. Das Seminar verbindet exemplarische Analysen ausgewählter Stellen aus Werken verschiedener Schaffensphasen (temA, Pression, Air, Kontrakadenz, Accanto, Ein Kinderspiel, Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, Schreiben, GOT LOST) mit Erörterungen einschlägiger Passagen aus Lachenmanns theoretischen Texten, die zum Einschlägigsten gehören, was in den letzten fünfzig Jahren über Musik gedacht und geschrieben wurde. Diskutiert werden insbesondere Aspekte von Notation, Material, Tonalität, Struktur, Aura, Form und ästhetischem Wirkungsanspruch. Die parallele Lektüre von Partituren und Texten macht dabei nicht zuletzt deutlich, wie Lachenmann im Laufe seines Schaffens auf den historisch-kulturellen Wandel seines eigenen Definitionsversuchs von Schönheit als „Verweigerung des Gewohnten und des Verdinglichten“ reagiert hat.

Gastvortrag: Werke als Schlüssel zu Werken? – Historische und ästhetische Reflexionen zur Situation nach 1950

Man spricht von Haupt- und Meisterwerken, ohne mit diesen ebenso ungenauen wie inflationären Suggestivworten mehr zu umreißen als den Eindruck, den derart bezeichnete Werke auf die Mit- und Nachwelt machten. Und ausgerechnet für die neue Musik, die nach 1950 den traditionellen Musik- und Werkbegriff grundsätzlich infrage gestellt hat, soll nun der Begriff „Schlüsselwerk“ taugen? Inwiefern können Werke als Schlüssel bzw. Türen-  und Ohrenöffner wirken? Und inwiefern taugt die Beschreibung von „Schlüsselwerken“ als historiographische Kategorie, die es erlaubt, inmitten der total plural ausdifferenzierten neuen Musik Bedingungsverhältnisse zwischen Generationen, Künstlern und Einzelwerken zu beschreiben? Mit einer kritischen Erörterung der Begriffe „Schlüssel“, „Werk“ und „neue Musik“ skizziert der Vortrag zugleich Rahmenbedingungen der historischen und ästhetischen Situation der neuen Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis heute, bevor die Kategorie „Schlüsselwerk“ dann anhand des Vergleichs ausgewählter Stücke von Erwin Schulhoff, John Cage, Michael von Biel, Helmut Lachenmann und Christina Kubisch auf die Probe gestellt wird.

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Rainer Nonnenmann
, geb. 1968 in Ludwigsburg, 1. Preis Horn bei Jugend musiziert 1987, Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Deutschen Philologie an den Universitäten Tübingen, Köln und Wien. Promotion 1999 und Ernennung zum Honorarprofessor der Hochschule für Musik und Tanz Köln 2012. Mitarbeiter der Universal Edition Wien 1994/95, Vorstand der Kölner Gesellschaft für Neue Musik 2002-06, Vorsitzender des die Kölner Musiknacht veranstaltenden IFM-Projekte e.V. 2005-2015, Mitglied der GNM-Jury für die Weltmusiktage 2015 und 2016, sowie Mitglied im Musikbeirat des Kulturamts der Stadt Köln 2009-2015. Er ist Dozent an den Musikhochschulen Köln, Düsseldorf und Freiburg/Breisgau, Herausgeber und Redakteur der Zeitschrift MusikTexte, Mitglied in Jurys des Landesmusikrats Nordrhein-Westfalen, Referent bei internationalen Symposien, freier Mitarbeiter von Rundfunkanstalten sowie Autor zahlreicher Aufsätze zur Musik und Ästhetik des 19., 20. und 21. Jahrhunderts. Buchpublikationen zu Helmut Lachenmann (2000), Nicolaus A. Huber (2002), Reinhard Febel (2004), Winterreisen aus zwei Jahrhunderten (2006), Reinhard Oehlschlägel und Mathias Spahlinger (2006) Johannes Fritsch (2010), Mit Nachdruck – Texte der Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik (2010) und Helmut Lachenmanns Begegnungen mit Luigi Nono (2013).

Musiktheorie / Musikanalyse - Kunstuniversität Graz