2016 - Martin Zenck

25. Mai 2016

Musiktheorie@KUG_03

Gastseminar und Gastvortrag mit Martin Zenck (Universität Würzburg)


14.00–16.00 Uhr, Brandhofgasse 21, Raum E.27
Gastseminar:
Entstehung und offenes, verhandelbares Resultat. Genetische und performativ-auditive Zugänge zur Musik von Pierre Boulez

17.00–18.30 Uhr, Reiterkaserne, Performancesaal
Gastvortrag:
Intermedialität der Geste im Theater, Film und in der Musik von Pierre Boulez

Konzert, Dienstag 24.5.2016, 20 Uhr
; Aula
Werke von Pierre Boulez: Structures Ia für zwei Klaviere (1951), Sonatine für Flöte und Klavier (1946), Incises für Klavier (1994/2001), une page d'éphéméride für Klavier (2005)

Tsugumi Shirakura, Klavier; Maria Flavia Cerrato, Klavier; Filippo Del Noce, Flöte

Gastseminar: Entstehung und offenes, verhandelbares Resultat. Genetische und performativ-auditive Zugänge zur Musik von Pierre Boulez

Je nach Stück und Werkcharakter kann ein diesem entsprechender oder widersprechender Zugang gesucht werden. Dabei macht sowohl die Absolutsetzung einer Methode als auch die heuristische, auch von Zufallseinsichten bestimmte jeweils dann Sinn, wenn sie von einer Selbstreflexion umfassend geleitet werden. Grundlage für das Seminar ist die Methode des Fragens, wie es Pierre Boulez im IRCAM und am Collège de France praktizierte, was ein besonderes Verfahren der Heuristik darstellt. Dafür werde ich noch unveröffentlichte Seminarpläne in französischer und englischer Sprache aus dem Jahr 1982 mitbringen. Im Seminar in Graz wähle ich  dann aus den möglichen literaturwissenschaftlichen, philosophischen und theaterwissenschaftlichen Zugängen folgende aus: die genetische anhand der Skizzen und Entwürfe, die dann zu einem weit verzweigten Komplex an Werken bei Boulez führen, sowie die performativ-auditive Methode, die wesentlich vom jeweils auszuhandelnden Sinn ausgeht, der anhand des Spiels, Dirigierens oder Hörens einer Partitur entschieden werden kann. Dabei stehen folgende Materialien und Stücke von Boulez im Zentrum: ein unveröffentlichter Brief von Boulez an den Dichter René Char, Skizzen zu Doubles (aus Figures – Doubles – Prismes) und zu Mémorial (aus explosante – fixe) sowie für den zweiten Themenkomplex des Eigensinns des Hörens und Spielens die Notation I pour piano, die Erste Klaviersonate, die Structures Ia und das von Boulez zurückgezogene Sensationsstück Polyphonie X.

Gastvortrag: Intermedialität der Geste im Theater, Film und in der Musik von Pierre Boulez

James Joyce war im Ulysses der nicht ganz unumstrittenen Auffassung, dass hinter allen Sprachen ein gemeinsamer Gestus stehe. Anfechtbar ist diese These aber nicht nur mit Blick auf die  Sprachen und die Weltliteraturen, sondern auch mit Auge und Ohr auf die Künste, in denen  verschiedene „Texttypen“ eine zwar wichtige Rolle spielen, wobei aber diese Texte als Schauspieltexte, als Scenario eines Films und als Notation einer Partitur oder einer Bühnenmusik  in jeweils spezifische Gesten und Tathandlungen übersetzt werden mit der Pointe, dass die vorausgesetzten „Texte“ einerseits zum Verschwinden, andererseits auf einer anderen Ebene in eine Präsenz überführt werden. Es besteht zwar eine Reziprozität von eingeschriebener und performativer Geste aber nicht im Sinne einer „Wiederholung“ auf anderer Ebene, sondern als eine grundlegende Verwandlung, welche die einmalige und augenblickshafte Körper- und Spielbewegung dem an sich steinernen und toten Text entreißt. Diese Überlegungen werden im Vortrag an verschiedenen Medien diskutiert: am Scénario du Film Passion von Jean-Luc Godard, am Nō- und Banraku-Theater, das Boulez so bewunderte und anhand der drei Klaviersonaten (1946, 1948, 1955-57) von Pierre Boulez.

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Martin Zenck, Prof. Dr. an der Universität Würzburg im Institut für Musikforschung mit dem Schwerpunkt "Ästhetik, Medien, Neue Musik", arbeitet seit Jahren einmal am Schwerpunkt "Aisthesis" über Wahrnehmungs- und Erkenntnisleistungen der Künste, über den ein Buchprojekt mit dem Titel „Der Sinne der Sinne. Zu einer Anthropologie der Musik“ in Vorbereitung ist; zum anderen an einem ausgesprochenen Frankreich-Schwerpunkt über Michel Foucault, Gilles Deleuze,  Roland Barthes und Jacques Derrida.  Am 22. 2. 2013 erhielt er zusammen mit der Komponistin Isabel Mundry den „Happy New Ears“-Preis der Hans-und Getrud-Zender Stiftung in der Bayerischen Akademie der Künste. Die Doppel-Laudatio hat der Berliner Philosoph Dieter Mersch gehalten, die auch in der NZfM veröffentlicht wurde. Im Springsemester 2013 hat er eine Gastprofessur an der University of Chicago wahrgenommen. Im Druck befindlich ist nach über zehnjähriger Arbeit ein Buch über Pierre Boulez mit dem Titel: Pierre Boulez. Die Partitur der Geste und das Theater der Avantgarde, das im Umfang von 800 Seiten im Juni 2016 in Wilhelm-Fink Verlag (Paderborn) mit einem Geleitwort des Philosophen Dieter Mersch erscheinen wird (https://www.fink.de/katalog/titel/978-3-7705-5998-5.html). In Vorbereitung ist  weiter ein Forschungsband über „Intermedialität von Bild und Musik“, der in der Doppelpräsentation der beiden Disziplinen der Musikwissenschaft und der Kunstgeschichte – von Elisabeth Oy-Marra, Klaus Pietschmann, Gregor Wedekind und Martin Zenck herausgegeben –- , ebenfalls  im Fink-Verlag im Frühjahr 2016 erscheinen wird. Zwei Buch-Projekte sind schließlich in längerer zukünftiger Vorbereitung: eines über den Exilkomponisten Eduard Steuermann auf der Grundlage der Clara- und Edward Steuermann-Collection in der Library of Congress (Washington D.C.), ein anderes über die Konzeption von architekturalen, philosophischen und musikalischen Zwischenräumen im Gesamtwerk von Mark Andre, vor allem in seiner Oper wunderzaichen. In Arbeit ist schließlich ein mit Oliver Wiener und Ulrich Tadday konzipierter Sonderband der Musik-Konzepte, Neue Folge unter dem Titel: Die Musik – eine Kunst des Imaginären?, der im Herbst 2016 erscheinen wird.

Musiktheorie / Musikanalyse - Kunstuniversität Graz