2016 - Felix Diergarten

27. April 2016

Musiktheorie@KUG_01

Gastseminar und Gastvortrag mit Felix Diergarten (Schola Cantorum Basiliensis)

14.00–16.00 Uhr, Brandhofgasse 21, Raum E.27
Gastseminar
: Drei Thesen zu Haydns Kontrapunkt. Reflektionen des Kontrapunkt-Begriffs im 18. Jahrhundert

17.00–18.30 Uhr, Palais Meran, Erdgeschoss, Raum 24 (Institut für Musikästhetik)
Gastvortrag
: Komponieren in den Zeiten Machauts. Neue Perspektiven auf den Liedsatz des 14. Jahrhunderts


Gastseminar: Drei Thesen zu Haydns Kontrapunkt. Reflektionen des Kontrapunkt-Begriffs im 18. Jahrhundert

Es sind häufig die unverfänglichen und scheinbar unvermittelt gegeben Begriffe, an deren Geschichte sich die Wandlungen einer Disziplin ablesen lassen. Gerade an einem scheinbar unverfänglichen Begriff wie »Kontrapunkt« — für viele Inbegriff von Musiktheorie schlechthin – lässt sich veranschaulichen, wie sich das Denken über Haydn, wie sich das Denken über die Musik des 18. Jahrhunderts, ja wie sich das ganze Fach »Musiktheorie« in den letzten Jahren gewandelt hat. Eine historisch differenzierte Auseinandersetzung mit Haydns »Kontrapunkt« vereinigt Aspekte der Satzlehre, der Ästhetik-, Rezeptions- und Mentalitätsgeschichte sowie schließlich auch Aspekte der Ausbildung, der Improvisation und der Aufführungspraxis. Dies soll anhand von drei pointierten Thesen vorgestellt und dann an zahlreichen Beispielen veranschaulicht und diskutiert werden.


Gastvortrag:
Komponieren in den Zeiten Machauts. Neue Perspektiven auf den Liedsatz des 14. Jahrhunderts

Guillaume de Machaut – in der Musikgeschichtsschreibung steht der Name des berühmten Poeten und Komponisten praktisch allein für die Geschichte des Liedsatzes im 14. Jahrhundert ein. Machaut gilt schlechthin als »most representative of his time« (The New Oxford History of Western Music). Dabei steht seit mittlerweile einem halben Jahrhundert die offene Frage im Raum, woher wir das eigentlich wissen wollen, solange kein angemessener Kontext bereitsteht, vor dessen Hintergrund diese Behauptung überhaupt geprüft werden könnte. Welche Rolle die Machaut-Lieder spielen, kann aber nur durch einen Vergleich mit den Werken anderer Komponisten geklärt werden. Tatsächlich stehen den hundert Liedern Machauts etwa 300 Liedsätze anderer, weitgehend anonymer Komponisten des 14. Jahrhunderts gegenüber, die allerdings von der Forschung kaum beachtet wurden. Dieser Aufgabe hat sich nun ein inzwischen abgeschlossenes Forschungsvorhaben gewidmet, das hier in Ausschnitten vorgestellt werden soll. Tatsächlich zeigt sich in den Liedern von Machauts Zeitgenossen ein buntes Feld von Experimenten, das dem bei Machaut Gegebenen teilweise diametral entgegensteht. Das betrifft Aspekte der Satztechnik genauso wie Aspekte der poetischen Texte und der Gattungen. Die Diskussion der analytischen Methodik für die Erarbeitung solcher Befunde ist dabei gleichzeitig Voraussetzung und Resultat der Untersuchungen, denn viele der analytischen Kategorien, die die Forschung mit Blick auf das 14. Jahrhundert erprobt hat, sind eben gerade mit Blick auf Machaut entstanden. Durch die Weitung der Perspektive rücken dann auch andere analytische Fragen in den Mittelpunkt, vor allem aber ein Kaleidoskop poetisch-musikalischer Techniken, das Machaut und das 14. Jahrhundert in neuem Licht erscheinen lässt.

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Felix Diergarten studierte an der Musikhochschule Dresden zunächst Dirigieren, dann Musiktheorie bei Ludwig Holtmeier und Clemens Kühn. Im Sommer 2009 wurde er dort mit einer Arbeit über die Sinfonik Haydns promoviert. An der Schola Cantorum Basiliensis absolvierte er ein Ergänzungsstudium bei Markus Jans. Nach einer Lehrauftragsvertretung an der Musikhochschule Luzern und einem Lehrauftrag an der Musikhochschule Freiburg ist Felix Diergarten seit 2009 Professor für Historische Satzlehre und Theorie der Alten Musik an der Schola Cantorum Basiliensis. Zur Zeit ist er Habilitand am Institut für Musikforschung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, wo eine Studie über französischsprachige Liedsätze des 14. Jahrhunderts entstanden ist. Felix Diergarten war Stipendiat des Richard-Wagner-Verbandes, Preisträger des MERKUR-Essaywettbewerbs 2008 und Guest Faculty Member der International Orpheus Academy 2013.

Musiktheorie / Musikanalyse - Kunstuniversität Graz