2006 - Musik und Globalisierung

17.-18.10.2006

Musik und Globalisierung
Zwischen kultureller Homogenisierung und kultureller Differenz

Symposion an der Kunstuniversität Graz, 17.-18.10.2006

Institut 1 - Komposition, Musiktheorie, Musikgeschichte und Dirigieren
Institut 14 - Wertungsforschung

[Programm]
[Abstracts der Vorträge und Kurzbiografien der Referenten]


Musik und Globalisierung

In der heutigen Kunstmusik finden sich plastische Fallbeispiele allgemeiner Tendenzen kultureller Globalisierung. Eine kulturelle Homogenisierung scheint seit einiger Zeit z.B. im Bereich der komponierten Musik stattzufinden, wo sich, nicht zuletzt aufgrund des Ausbildungsmonopols westlicher Institutionen, weltweit ähnliche Gemeinplätze eines anonymisierten "Allerweltsstils" neuer Musik finden. Noch deutlicher sichtbar ist diese Tendenz wohl im Repertoire international bekannter Konzertpianisten, das sich – im Gegensatz zu den zunehmend diversifizierten kulturellen Hintergründen der Interpreten – immer stärker zu verengen, zu normieren droht. Aber auch der Gegenpol dieser Tendenzen, das Einfordern und aktive Thematisieren kultureller Differenz und Inkommensurabilität ist Bestandteil heutigen Musikschaffens und -hervorbringens. Das Symposion an der Kunstuniversität Graz versucht diese Prozesse zu analysieren und Alternativen zur Standardisierungsdynamik globaler Kultur zu entwickeln. Die Veranstaltung möchte der Komplexität der Thematik dabei auch dadurch gerecht werden, dass sie betont interdisziplinär ausgerichtet ist: musikhistorische, -analytische, -ästhetische und -ethnologische Perspektiven werden mit soziologischen und philosophischen Modellen konfrontiert. Mit Hans Zender steht ein Komponist und Interpret im Mittelpunkt des ersten Teils der Tagung, der in besonderem Ausmaß und mit besonderer Sensibilität Interkulturalität zum Thema seiner Musik gemacht hat, zuletzt in seinem dritten abendfüllendem Musiktheater Chief Joseph. Der Dialog zwischen Theorie(n) und Praxis setzt sich auch im Konzert und weiteren Begleitveranstaltungen fort. Ausgewählte Beiträge des Symposions werden 2007 als erster Band der neu begründeten Schriftenreihe musik.theorien der gegenwart der Kunstuniversität Graz (hrsg. von Christian Utz und Clemens Gadenstätter) erscheinen.


Chancen und Probleme der globalen Ausbreitung europäischer Klaviermusik

Im Verlauf der wirtschaftlichen und sozialen Globalisierung erfolgte auch eine weltweite Vernetzung der traditionellen europäischen Konzertkultur, die seit Beginn ihres Bestehens um die Mitte des 18. Jahrhunderts einen Markt bildet und sich im 19. Jahrhundert zu einem komplexen Wirtschaftssystem entwickelt hat, in welches verschiedene Unternehmenszweige eingebunden sind. Vor allem die Klavierfabrikation erfuhr – angeregt durch das virtuose Klavierspiel und die Klaviermusik von Franz Liszt – eine rasante technische und kommerzielle Entwicklung. Im Zuge der allgemeinen ökonomischen Expansion wurde der europäische Musikmarkt allmählich zu globalen Dimensionen erweitert.
Die Globalisierung der Musikkultur erschöpft sich jedoch nicht in ihrer internationalen Verbreitung, wie sie ja durch reisende Künstler bereits im 18. und 19. Jahrhundert betrieben wurde. Durch die weltweite Vermarktung kommt es zu einer Erstarrung und Einengung des pianistischen Konzertrepertoires und in Europa zu einer Entfremdung der "klassischen" Werke von der Aufführungstradition, in welcher sie in Konfrontation mit der jeweils zeitgenössischen Komposition unter stets neuen ästhetischen Aspekten interpretiert und dadurch aktualisiert wurden.
Die globale Musikkultur vollzieht sich in einem weltumspannenden Netzwerk von Institutionen der Veranstaltung und in zunehmendem Maße auch der Musikausbildung. Internationale Wettbewerbe dienen dazu, den globalen Markt zu steuern, die Qualität der Darbietungen zu sichern und Standards der künstlerischen Interpretation festzulegen. Es liegt nahe, dass die Gesetze von Angebot und Nachfrage dabei meist wichtiger sind als die ästhetischen Gehalte der Werke.
Die globale Ausbreitung und Vermarktung der europäischen Klaviermusik stellt PianistInnen vor eine neue Situation, die es zu erkennen und zu bewältigen gilt. Das Podiumsgespräch mit Konzertpianisten, Klavierpädagogen und Vertretern der Wertungsforschung soll dazu beitragen.

Leitung: Karin Marsoner, Christian Utz, in Zusammenarbeit mit Andreas Dorschel

 

 
PROGRAMM

Dienstag, 17.10.2006, 9-17 Uhr
Palais Meran, Florentinersaal

I- Auswirkungen der Globalisierung auf das Komponieren der Gegenwart

09.00
Rektor em. O.Univ.Prof. Dr. Otto Kolleritsch
Eröffnung

09.15
Musikalische Eröffnung
Wolfgang Fraenkel (1897-1983): Drei zweistimmige Praeludien, Kel.V. 80-82 (1945, Shanghai)
Sang Tong 桑桐 (geb. 1923): 在那遙遠的地方 Tsai na yaoyuan de difang ("In jenem fernen Land") (1947, Shanghai)

Eva Bajic / Chia-Tyan Yang, Klavier

10.00
Gerd Grupe (Institut 13 - Musikethnologie, Kunstuniversität Graz)
"Cultural Grey-Out" oder "Many Diverse Musics"? - Musikkulturen der Welt in Zeiten der Globalisierung

10.45
Christian Utz (Institut 1 - Komposition, Musiktheorie, Musikgeschichte und Dirigieren, Kunstuniversität Graz)
Komposition und kulturelle Differenz. Historische und ästhetische Perspektiven

11.30 Diskussion

12.15 PAUSE

14.00
Jörn Peter Hiekel (Hochschule für Musik Carl Maria von Weber, Dresden)
Tendenzen kultureller Entgrenzung in der Musik Hans Zenders

14.45
Hans Zender (Freiburg)
Das Eigene und das Fremde. Gedanken zu Chief Joseph (2001-2005)

15.30
Podiumsdiskussion, Leitung: Andreas Dorschel (Institut 14 - Wertungsforschung)
Gerd Grupe, Jörn Peter Hiekel, Peter Revers, Christian Utz, Hans Zender

Mittwoch, 18.10.2006, 10-19 Uhr
Palais Meran, Florentinersaal

II- Soziologische, historische und philosophische Perspektiven der kulturellen Globalisierung

10.00
Karl Acham (Institut für Soziologie, Karl-Franzens-Universität Graz)
Politische, wirtschaftliche und kulturelle Globalisierung - über einschlägige Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen China und der westlichen Welt

11.00
Peter Revers (Institut 1 - Komposition, Musiktheorie, Musikgeschichte und Dirigieren, Kunstuniversität Graz)
Jean-Joseph Amiot und die Erforschung chinesischer Musik im 18. Jahrhundert

11.45
Franz Martin Wimmer (Institut für Philosophie, Universität Wien)
Leitgedanken interkultureller Philosophie als Grundlage heutiger Ästhetik

12.30 Diskussion

13.00 PAUSE

III- Chancen und Probleme der globalen Ausbreitung europäischer Klaviermusik

14.00
Karin Marsoner (Institut 14 - Wertungsforschung, Kunstuniversität Graz)
Auswirkungen globaler Vernetzungen auf das pianistische Konzertrepertoire

14.45
Anton Voigt (Anton Bruckner Privatuniversität Linz)
Wanderer zwischen Welten
PianistInnen und ihre Ausbildung in einer globalisierten Welt

15.30 Diskussion

16.15 Pause

16.30 Podiumsdiskussion, Leitung: Andreas Dorschel
Harald Haslmayr, Imola Joó, Rudolf Kehrer, Karin Marsoner, Heinz Medjimorec, Markus Schirmer, Eike Straub, Anton Voigt


Rahmenprogramm / Zusatzveranstaltungen

Montag 16.10.
Institut 1 Raum E37, 14.30-16 Uhr
Neue Musik in Osteuropa: Geschichte und neuere Entwicklungen
Gastvortrag, Dr. Jörn Peter Hiekel, Dresden

Institut 1 Raum E37, 16-19 Uhr
Gastseminar mit Hans Zender, Freiburg und Jörn Peter Hiekel, Dresden
Hans Zender: Grundlagen sinnlich denkenden Komponierens 
Analysen zu "Chief Joseph" und "Fûrin no Kyô"


Dienstag 17.10.
KONZERT

Kulturzentrum bei den Minoriten, Minoritensaal, 20 Uhr
 http://www.minoritenkulturgraz.at


Hans Zender (geb. 1936): Lo-Shu II (1978) für Flöte solo
Ge Ganru (geb. 1954): Yi Feng (1983) für Violoncello solo
Hans Zender: Horch, Horch die Lerch' im Ätherblau (2001) für Flöte und Klavier

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Kunsu Shim (geb. 1958): Trace, Elements (I) (2005) für Klavier und Violoncello
Chao Ching-Wen (geb. 1974): In an Instant (2004) für Klavier solo
Hans Zender: Kantate nach Worten von Meister Eckehart (1980) für Alt-Stimme, Altflöte, Violoncello und Cembalo


ensemble on_line vienna
Musikalische Leitung: Simeon Pironkoff

Margarete Jungen, Alt
Sylvie Lacroix, Flöten
Michael Moser, Violoncello
Mathilde Hoursiangou, Klavier/Cembalo

Musiktheorie / Musikanalyse - Kunstuniversität Graz