2006 - Dieter Schnebel

23. Mai 2006

Zur Musikalisierung von Sprache
Analysen und Diskussion zu Glossolalie 61 (1960-65)

in Zusammenarbeit mit dem Institut 4 (Akkordeon-Klasse Janne Rättyä)
im Rahmen des Seminars "Werkanalyse inkl. Einführung 2"

 
Dieter Schnebels Musik-Sprach-Konzept glossolalie ("Zungenreden", 1956-60) in der Ausarbeitung des Komponisten als Glossolalie 61(1960-65) zählt zu den Klassikern der Sprachkomposition (erste Studioaufnahme durch Mauricio Kagel: WDR Köln 1962; UA Palermo 7.10.1963, Kagel [nur Teile I und IV] / Darmstadt 19.7.1964, Maderna [nur Teile I,III,IV] / Paris 21.10.1966, Jean-Charles François [alle IV Teile]). Durch die Montage einer Überfülle der von Adorno (dem Widmungsträger von Glossolalie 61) scharf vom Wesen der Musik abgegrenzten "meinenden Sprache" erforscht Dieter Schnebel hier die musikalischen Potentiale von Sprachverwirrung und -überlagerung mit dezidierten (selbst-)ironischen Untertönen. Sein Konzept zeigt einen größtmöglichen Gegensatz zu einer Vorgehensweise wie sie etwa in György Ligetis Aventures / Nouvelles Aventures (1962/65) verfolgt wurde, wo durch eine rigorose Laut-Systematik alle Erinnerung an exisitierende Sprachkonventionen vermieden wird. Ausgehend von Kurzreferaten der am Werkanalyse-Seminar teilnehmenden Studierenden werden wir mit Dieter Schnebel über die Kompositionsästhetik und eine (mögliche) Aktualität der Glossolalie 61 diskutieren.

 

Mittwoch, 24. Mai 2006

19.00 Uhr, Florentinersaal, Palais Meran
Künstlergespräch Dieter Schnebel
mit Christian Utz, Prof. für Musiktheorie/Musikanalyse, Institut 1

20.00 Uhr, Florentinersaal, Palais Meran
Meet the Composer Dieter Schnebel

Lamento di Guerra (1991) für Sopran und Akkordeon
Psychologia / Medusa (1989/93) für Akkordeon solo
Goethe-Lieder (2002/03) für Stimme und Begleitung
Lamāh? (Warum?) (1997) für Streichtrio und Gesang
Abfälle I / visible music I (1960-62) für 1 Dirigenten und 1 Pianisten

Studierende von Janne Rättyä und Claudia Rüggeberg
Ensemble "Szene Instrumental"
Uli Rennert, Klavier
Leitung: Wolfgang Hattinger


Dieter Schnebel
Dieter Schnebel wurde am 14. März 1930 in Lahr/Baden geboren. Auf ein Studium an der Freiburger Musikhochschule 1949 bis 1952 (an der Universität Vorlesungen bei Martin Heidegger) und engen Kontakt zu den Kranichsteiner (heute Darmstädter) Ferienkursen für Neue Musik folgten evangelische Theologie (Beeinflussung durch Karl Barth, Rudolf Bultmann), Philosophie (Lektüre von Ernst Bloch) und Musikwissenschaft (Walter Gerstenberg, Promotion über Die Dynamik bei Schönberg) in Tübingen. Daran schloss sich eine Pfarr- und Lehrertätigkeit in Kaiserslautern, Frankfurt a. M. und München an. Nach dem Tod der ersten Frau Camilla heiratete Schnebel 1970 Iris von Kaschnitz.

1976 wurde eigens für ihn eine Professur für experimentelle Musik und Musikwissenschaft an der Hochschule der Künste (HdK) in Berlin eingerichtet, die er bis zur Emeritierung 1995 inne hatte. Seine Tätigkeit als Theologe setzt Schnebel durch Predigttätigkeit an der Johann-Sebastian-Bach-Kirche in Berlin-Lichterfelde fort. Es entstehen kirchenmusikalische Kompositionen ("Für Stimmen - missa est", "Magnificat", "missa brevis", Bearbeitung von Bach-Chorälen, Orgelwerke), zuletzt für den Kirchenpavillon der EXPO 2000 und die documenta 2001.

Durch die Gründung der Theatergruppe "Die Maulwerker" systematisierte Schnebel sein nur teils auf den "Fluxus" ("visible music", "reactions", "Anschläge-Ausschläge") zurückzuführendes, offenes Werkkonzept, in dem Musiker in unkonventionellem Einsatz ihrer Instrumente und Stimmen zu Aktionen im Raum aufgefordert sind. Es entstehen die Zyklen "Maulwerke", "Schulmusik", "Laut-Gesten-Laute", "Museumsstücke", "Schaustücke". Von der seriellen Musik wandte sich Schnebel nach dem frühen Zyklus "Versuche" (Analysis, Stücke, Fragment, Compositio) ab. Die mit deren Krise einhergehende Kritik einer emphatischen Werkästhetik überwindet er erst in den Zyklen "Re-Visionen", "Tradition", ferner in den auf die griechische Mythologie verweisenden Kammermusikwerken der Reihe "Psycho-Logia". Zu den Schlüsselwerken der letzten Jahre zählen "Missa", "Sinfonie X", "Majakowskis Tod - Totentanz".

1991 wurde Dieter Schnebel mit dem Lahrer Kulturpreis ausgezeichnet. 1999 verlieh ihm die Stadt Schwäbisch Gmünd den erstmals vergebenen Preis der Europäischen Kirchenmusik. Der Komponist ist Mitglied der Akademie der Künste Berlin (seit 1991) und der Bayerischen Akademie der Künste (seit 1996). Er verfasste zahlreiche musikwissenschaftliche Publikationen, u.a. zu Weberns Variationen op. 27, zu Franz Schubert und zuletzt Giuseppe Verdi.

 http://www.schott-musik.de

Musiktheorie / Musikanalyse - Kunstuniversität Graz