CTPSO - A Context-Sensitive Theory of Post-tonal Sound Organization
CTPSO - 2012-2014
CTPSO - A Context-Sensitive Theory of Post-tonal Sound Organisation
Christian Utz/Dieter Kleinrath
In Zusammenarbeit mit Markus Neuwirth, University of Leuven
Projektlaufzeit: 1.3.2012-28.2.2014
Gefördert vom Wissenschaftsfonds (FWF)
[Abstract (English)]
Abstract (Deutsch)
Die Erforschung der Wahrnehmung post-tonaler Musik wurde von der Musiktheorie und verwandten Disziplinen weitgehend vernachlässigt. Allgemein tendieren Musiktheorien dazu von statischen Modellen struktureller Hierarchie auszugehen, die allerdings für das Verständnis post-tonaler Stile meist unzureichend sind. Die Vielfalt post-tonaler Musik und die Beobachtung, dass die Wahrnehmung post-tonaler Strukturen hochgradig von musikimmanenten und -externen Kontexten abhängt, provoziert die Frage, wie eine kontextsensitive Theorie post-tonaler Musik formuliert werden könnte. Das vorliegende Forschungsprojekt reagiert darauf mit einer nicht-universalistischen, kontextsensitiven Theorie post-tonaler Klangorganisation, die unterschiedliche Facetten des post-tonalen Repertoires berücksichtigt. Die vorgeschlagene Theorie reflektiert drei Typen post-tonaler Kontexte: (1) musikimmanente Kontexte durch ein adaptives Modell der Musikwahrnehmung, in dem Klangereignisse während wie auch nach dem Hörvorgang je nach Kontext verschieden kategorisiert werden können; (2) subjekt-spezifische Kontexte durch die Integration unterschiedlicher konzeptueller und auditiver Perspektiven, anstelle der Annahme eines »idealen« Hörers; der Haltung einer »performativen« Musiktheorie und -analyse folgend wird so ein breites Spektrum von Hörstrategien für post-tonale Musik eröffnet, ohne dass ein vereinheitlichtes Modell favorisiert würde; (3) interpretatorische Kontexte durch Vergleiche unterschiedlicher Ausführungen desselben Werks und einer Diskussion der Relevanz aufführungspraktischer Interpretation für die perzeptuelle Organisation. Unsere Theorie greift wahrnehmungsbezogene Ansätze aus den Bereichen Musiktheorie (Hanninen, Ockelford), Musikpsychologie (Déliège) und Kompositionstheorie (Lachenmann, Schaeffer) auf und vermittelt dadurch zwischen Theorie und empirischer Forschung, etwa indem Analysen post-tonaler Werke elementare Wahrnehmungsvorgänge (Kontur, Streaming, Segmentierung etc.) und Prinzipien des »entdeckenden Lernens« während des Wahrnehmungsvorgangs prominent berücksichtigen. Das Projekt ist in drei Forschungsfelder unterteilt: (1) Eine umfassende Auswertung historischer Theorien musikalischer Wahrnehmung aus verschiedenen Disziplinen wird dabei helfen, den theoretischen Rahmen der Forschung fortgesetzt zu präzisieren. (2) Detaillierte Analysen repräsentativer post-tonaler Werke, die auf skizzen- und partiturorientierten sowie auf computergestützten spektralen Methoden basieren, bilden das Zentrum des Projekts und tragen zu einer Ausarbeitung morphosyntaktischer Module bei. Die Idee einer post-tonalen Morphosyntax geht davon aus, dass gestalt- und zeitorientierte Verhältnisse zwischen Klangereignissen, -folgen und -transformationen, abgeleitet aus der musikalischen »Oberfläche«, elementare Schichten musikalischer Bedeutung konstituieren, die über rein »musikimmanente« Strukturen hinaus weisen. Durch diesen Ansatz wird es möglich, Wechselwirkungen zwischen lokaler morphologischer Organisation, syntaktischer Zusammenhangsbildung, Großform und kontextueller Bedeutung aufzuzeigen. Das so entstehende Netzwerk morphosyntaktischer Module steht für ein flexibles, aber kohärentes Spektrum von Hörstrategien, das offen für Differenzierung bleibt und auch Modelle für empirische Forschung bereit stellten kann. (3) Systematische Studien zu Wechselwirkung und Unterschieden zwischen tonaler und post-tonaler Musikwahrnehmung sowie auditiver Alltagswahrnehmung, in Kooperation mit Forschungspartnern entwickelt, schaffen vielfältige Interaktionsmöglichkeiten mit den beiden anderen Forschungsfeldern.
Projektrelevante Publikationen [password zum Lesen der pdf-Dateien erforderlich]
Utz, Chr. (2010a), Syntax, musikalische, in: Lexikon der Systematischen Musikwissenschaft, ed. H. de la Motte, H. von Loesch, G. Rötter and Chr. Utz, Laaber, 466–469.
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— (2010b), Musik von einem fremden Planeten? Variationen über Struktur, Wahrnehmung und Bedeutung in der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, in: Music Theory and Interdisciplinarity, ed. Chr. Utz, Saarbrücken, 377–399.
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— (2012a) Isabel Mundry’s Ich und Du and the Elusiveness of Musical Meaning. Variations on Music, Body, Structure, Perception, in: Bodily Expression in Electronic Music, ed. A. Dorschel, G. Eckel and D. Peters, New York, 97–113.
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— (2012b), Morphologie und Bedeutung der Klänge in Klaus Hubers Miserere Hominibus, in: Transformationen im Werk Klaus Hubers, ed. J. P. Hiekel and P. Müller, Mainz, in print
— (2012c), Struktur und Wahrnehmung. Gestalt, Kontur, Figur und Geste als musiktheoretische Konzepte und ihre Anwendung in Analysen der Musik des 20. Jahrhunderts, in: Musik und Ästhetik 2012, in preparation.
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— (2012d), Entwurf einer Theorie musikalischer Syntax, in: Musik-Sprachen. Entwürfe und Annotationen im Dialog mit Albrecht Wellmer (musik.theorien der gegenwart 5), ed. Christian Utz, Dieter Kleinrath and Clemens Gadenstätter, Saarbrücken 2012, in preparation
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— (2013a), "Liberating" Sound and Perception for the Interpretation of Contemporary Music. Historical and Methodological Preconditions, in: Organised Sound. Klang und Wahrnehmung in der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts (musik.theorien der gegenwart 6), ed. by Christian Utz, Saarbrücken: Pfau 2013, in preparation.
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— (2013b), Scelsi hören. Morphosyntaktische Zusammenhänge zwischen Echtzeitwahrnehmung und Formimagination der Musik Giacinto Scelsis, in: Giacinto Scelsi heute, ed. by Elfriede Moschitz und Federico Celestini, 2013, in preparation.
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— (2013c), Erinnerte Gestalt und gebannter Augenblick. Zur Analyse und Interpretation post-tonaler Musik als Wahrnehmungspraxis, in: Ans Licht gebracht. Zur Interpretation neuer Musik heute, ed. by Jörn Peter Hiekel, Schott: Mainz 2013, in preparation.
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— (2013d), Erwartung und Verwunderung. Zur musikalischen Analyse komponierter Erwartungssituationen, in: Zeitschrift der Gesellschaft für Musiktheorie 10/2 (2013), in preparation.
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Utz, Chr. / Kleinrath, D. (2011), Klangorganisation bei Varèse, Lachenmann und Scelsi. Analytische Annäherungen an die Wechselwirkung von Tonhöhen- und Klangfarbenstrukturen in der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, in: Klangperspektiven, ed. L. Haselböck, Hofheim, 73–102
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— (2012), Klangorganisation. Zur Systematik und Analyse einer Morphologie und Syntax post-tonaler Kunstmusik, in: Musiktheorie und Improvisation, ed. J. Blume, K. Georgi, Mainz, in print.
Kleinrath, D. (2008), Fraktalklang. (Selbst)ähnliche Formstrukturen in Helmut Lachenmanns Zweitem Streichquartett »Reigen seliger Geister«, in: Musik als Wahrnehmungskunst. Untersuchungen zu Kompositionsmethodik und Hörästhetik bei Helmut Lachenmann, ed. Chr. Utz and C. Gadenstätter, Saarbrücken, 173–192.
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— (2010), Klangzentren und Tonalität. Über die Bedeutung der Zentralklänge in der Musik des 19. Jahrhunderts, master thesis, University of Music and Dramatic Arts Graz.
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— (2012), Musikalische Zeichensysteme: ihre Entstehung und ihre Relevanz für die musikalische Kommunikation, in: Kreativität – Struktur und Emotion, ed. A. Jeßulat, A. Lehmann and Chr. Wünsch, Würzburg, in preparation.
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Neuwirth, M. (2008a), Strukturell vermittelte Magie. Kognitionswissenschaftliche Annäherungen an Helmut Lachenmanns Pression und Allegro Sostenuto, in: Musik als Wahrnehmungskunst. Untersuchungen zu Kompositionsmethodik und Hörästhetik bei Helmut Lachenmann, ed. Chr. Utz and C. Gadenstätter, Saarbrücken, 73–100.
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— (2008b), Das Konzept der Expektanz in der musikalischen Analyse. Möglichkeiten und Probleme einer kognitiv orientierten Musikanalyse, in: Musiktheorie im Kontext, ed. J.Ph. Sprick, R. Bahr and M. von Troschke, Berlin, 557–573.
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